Freitag, 24. April 2009
Wolfgang Schäubles Dopingvergangenheit. Oder: Gedächtnislücken beim obersten deutschen Sportfunktionär
Dr. Clemens Prokop, seines Zeichens Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes DLV, hat mit Doping nichts am Hut. Nicht mit heutigem, kommendem und gewesenem. Besonders letzteres ist ein Thema, wenn heutige Erfolgssportler und/oder -Trainer, sofern sie aus der DDR stammen, abgeschossen werden sollen. Es ist schon erstaunlich, dass immer mal wieder irgendein vermeintlicher Gutmensch unter einem Stein hervorkrabbelt, auf Trainer mit Ost-Vergangenheit zeigt und diesem eine Verstrickung ins Dopingssystem der einstigen DDR unterstellt.
Aufarbeitung ist angesagt, und genau die befürwortet DLV-Chef Prokop. So begrüßte er auch die Erklärung von fünf DLV-Trainern zu ihrer Vergangenheit in der DDR. Guckst Du hier: http://www.deutscher-leichtathletik-verband.de/index.php?SiteID=393&NewsID=21800 In besagter DLV-News sagt Prokop u.a.: „Die nun unterzeichnete Trainer-Erklärung ist kein Ersatz für die grundlegende Aufarbeitung von Doping in Ost und West vor 1990, die nach wie vor zwingend auch für den Westen notwendig ist …”
Dieses Statement stammt vom 6. April 2009, danach war es einige Zeit ruhig. Gestern hörte ich Radio noch einmal die Forderung von der Aufarbeitung der Doping-Vergangenheit West. Sehr lobenswert. Allerdings sollten auch hier nicht nur die Handlanger eines staatlichen Dopingsystems die sprichwörtlichen Hosen herunterlassen müsse. Nein, man sollte auch den politischen Wegbereitern des Dopings Licht am Hacken machen. Man sollte auch den Sportfunktionären, die ein solches System mitgetragen haben, Licht am Hacken machen.
Nun mag sich der eine oder andere Leser dieses kleinen, politisch nicht immer korrekten Tagebuches fragen, worauf ich mit dieser Forderung ziele. Da gibt es zum einen führende Funktionäre im DOS, die durchaus nicht immer so vehement gegen das Doping gewesen sind, wie sie es heute gern darstellen.
Besonders liegt mir in punkto Aufarbeitung der Doping-Vergangenheit West jedoch Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble am Herzen, heute nicht nur Befürworter eines Überwachungsstaates, sondern Kraft seines Amtes zugleich Nummer 1 der bundesdeutschen Sportpolitik. Besagter Wolfgang Schäuble hat sich vor rund 30 Jahren (das ist in etwa der historische Abstand, um den es bei einigen der heute am Dopingpranger stehenden Trainer-Ost geht) im Deutschen Bundestag öffentlich für Doping ausgesprochen. Nur so könne man im sportlichen Wettbewerb mit dem Ostblock bestehen, lautete seine damalige Begründung. Eine Distanzierung von dieser Forderung, die übrigens im Archiv des DLF gespeichert ist, hat meines Wissens bisher nicht stattgefunden. Aber vielleicht erinnert sich Anti-Doping-Schäuble ja gelegentlich daran, dass er Doping als probates Mittel gefordert hat.

Allerdings sollte man nicht zuviel Hoffnung habe, denn mit Schäubles Gedächtnis ist es nicht so weit her. Am 2. September 1999 erklärte er in öffentlicher Bundestagssitzung, dem Waffenhändler Karlheinz Schreiber „im Spätsommer oder Frühherbst 1994“ bei einem Gesprächsabend in einem Bonner Hotel kurz vorgestellt worden zu sein. Wenige Wochen später musste Schäuble zugeben, dass er von Schreiber 1994 eine Barspende von 100.000 DM erhalten und diesen auch 1995 wieder getroffen habe. Im September 2000 leistete Schäuble vor dem Bundestag Abbitte für seine kreative Schwindelei – nachdem ihm diese nachgewiesen worden war.

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