Dienstag, 9. September 2008
Meine Lokalpostille und die Schleichwerbung. Oder: Verstöße gegen den Pressekodex reloadet
Heute, am 9. September, habe ich meinen guten Vorsatz für das neue Jahr gefasst. „Häää? Neues Jahr?“, mag sich nun der eine oder andere Leser meines kleinen Tagebuches fragen und zu dem Schluss gelangen, dass der Verfasser dieser Zeilen nun wohl doch dem Schwachsinn anheim gefallen sein muss.
Doch keine Angst – alles ist im Lot. Den guten Vorsatz für 2009 habe ich allerdings tatsächlich bereits gefasst. Vor wenigen Minuten, genauer gesagt: Beim Frühstück und der damit einher gehenden Lektüre meiner Lokalpostille, der Leipziger Volkszeitung. Regelmäßige Leser meiner – politisch nicht immer korrekten – Notizen wissen, dass ich hin und wieder Anstoß an Veröffentlichungen der nach eigener Aussage dem Qualitätsjournalismus verpflichteten LVZ nehme. Die Gründe hierfür sind zumeist die himmelschreiende Dummheit oder die unendliche Faulheit bestimmter Autoren, häufig auch eine Kopplung aus beiden Eigenarten. Regelmäßig ärgere ich mich zudem über Verstöße gegen den Pressekodex. So auch heute.
Wieder einmal – oder heute sogar zweimal auf einer Seite – wurde gegen dieses Regelwerk der Medienbranche verstoßen. In Ziffer 7 (guckst Du hier: http://www.presserat.de/Pressekodex.8.0.html) verweist der Pressekodex auf die Trennung von Werbung und Redaktion. Zum Nachlesen:

ZI F F E R 7 TRENNUNG VON WERBUNG UND REDAKTION
Die Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit gebietet, dass redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter oder durch persönliche wirtschaftliche Interessen der Journalistinnen und Journalisten beeinflusst werden. Verleger und Redakteure wehren derartige Versuche ab und achten auf eine klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken. Bei Veröffentlichungen, die ein Eigeninteresse des Verlages betreffen, muss dieses erkennbar sein.

Soweit die Theorie. Oder, wie Jack Sparrow im „Fluch der Karibik“ feststellte: „Der Kodex ist doch nur eine Empfehlung.“ Nicht nur für die Piraten zur See, sondern auch für die der Medienbranche.
Und so berichtet meine Lokalpostille auf Seite 17 ihrer heutigen Ausgabe über die nunmehr in zweiter Auflage erscheinende Broschüre „Zoogeflüster“, zu deren Herstellung sich die LVZ wegen der großen Nachfrage nun entschlossen hat. Auf gut 30 Druckzeilen erfahren die geneigten Liebhaber des Qualitätsjournalismus’ viel Wissenswertes über Inhalt, Aufmachung, Kaufpreis und Bezugsmöglichkeiten des Druckwerkes. Sogar ein Bild spendierten die Gutmenschen aus dem Leipziger Medienhaus der Leserschaft – ein Repro des Covers. Dass hier wirtschaftliche Interessen des Verlages mit redaktioneller Berichterstattung vermengt wurden, sollte auch dem dümmstanzunehmenden Leser auffallen. Tut es aber nicht, weil solcherart Mauscheleien bei der LVZ System haben und die Verleger „derartige Versuche“ ganz offensichtlich nicht nur nicht abwehren, sondern vorschreiben.
Anders lässt es sich nicht erklären, dass der Beitrag in die Spalten des Lokalteils rutschen konnte. Autor ist nämlich keiner der dort mehr oder weniger tätigen Redakteure und auch keiner der wohlfeilen Praktikanten, sondern laut Kürzel „sei“ Thomas Seidler.
Diese war von 1993 bis 2005 Lokalchef der LVZ und hat seither das Amt des Chef-Management-Redakteurs bei der Leipziger Medien Service GmbH (LMS) inne. Dieses Unternehmen gibt allerlei Bücher heraus, die dann bei der LVZ intensivst beworben und verklingelt werden. Wer sich über die Gesellschafterstruktur der LMS informieren will, kann das Handelsregister einsehen und wird keine Überraschungen erleben. Wer sich die Mühe sparen will, gibt mir ein Bier aus, dann erfährt er’s auch.

Solcherart Verquickungen meint der Deutsche Presserat, wenn im Pressekodex von der Kennzeichnungspflicht bei „Veröffentlichungen, die ein Eigeninteresse des Verlages betreffen“, die Rede ist.

Unter Ziffer 7 des Pressekodex’ fällt aber auch eine Veröffentlichung, die in der heutigen Ausgabe meiner Lokalpostille gleich neben der Eigenwerbung für das „Zoogeflüster“ steht. Unter dem Titel „Der Hund von Welt trägt Regencape“ ist dort in Wort und Bild eine nette kleine PR-Geschichte über Birgit Winkler und ihren Minizoo abgedruckt. Im Focus war die von dpa verbreitete PR-Schmonzette übrigens bereits am 14. August 2008 „Bild des Tages“. Aber zurück zur LVZ: Der geneigte Leser dieses qualitätsjournalistischen Werkes erfährt, das die Chihuahuas Quincy und Lilli bei herbstlichen Niederschlägen Regenmäntel tragen, die aus den USA stammen und in Birgits Minizoo verkauft werden.
Womit wir bei der unzulässigen Vermauschelung von Redaktion und Anzeige wären, denn dieser Minizoo ist kein Zoo, sondern ein – ziemlich dürftig aufgemachter – Onlineshop. Guckst Du hier: https://ssl.kundenserver.de/www.birgits-minizoo.de/sess/utn;jsessionid=1548c6141ad10c9/shopdata/index.shopscript
Nun ist es jedem selbst überlassen, sich mit solcherart Angeboten zu bereichern und/oder zu blamieren. Im Lokalteil hat diese Veröffentlichung allerdings nur als Anzeige etwas verloren. Zumindest bei einer Zeitung, die für sich den Anspruch des Qualitätsjournalismus erhebt.

Und was hat das alles mit dem zu Anfang dieser Zeilen erwähnten „guten Vorsatz“ fürs neue Jahr zu tun? Nun, da ich bereits überreichlich Sport treibe, macht das übliche „mehr Sport“ oder „gesund leben“ ja keinen Sinn. Also werde ich im kommenden Jahr die Verstöße meiner Lokalpostille gegen den Pressekodex dokumentieren und einmal pro Quartal an den Presserat schicken. Einer muss es ja tun ...

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